Pflegerische Versorgung zu Hause – ein Dauerkonflikt

76 Prozent aller Personen mit Pflegebedarf werden in Deutschland zu Hause versorgt. Pflegende Angehörige sind die „tragende Säule“ unseres Pflegesystems. Dass der Großteil der Pflege zuhause erfolgt, geschieht nicht freiwillig, sondern folgt Gesetzen. Für die Pflegeversicherung gilt der Subsidiaritätsgrundsatz, nach dem die kleinste Einheit zuständig ist: Die Familie. Dass Familienangehörige mit nur einer kleinen Aufwandsentschädigung – die über die/den Pflegebedürftige/n ausgezahlt wird – ohne Arbeitszeitbegrenzung, ohne eigenständige soziale Absicherung allein gelassen werden, ist als durchgängige pflegerische Versorgung für beide Seiten der Betroffenen nicht hinnehmbar. Zudem bringt der Teilleistungscharakter der Pflegeversicherung die Perspektive von Altersarmut für diejenigen mit Pflegebedarf sowie für Nahestehende, die Pflegleistung erbringen mit sich. Für letztere besteht ein verbreitetes Risiko, selbst krank zu werden, weil die Pflege häufig ihre Kräfte übersteigt. Frauen, die dies in den allermeisten Fällen betrifft, wehren sich zunehmend, Pflegeverantwortung anzunehmen.

Gesetzliche Vorgaben als Ursache

Die Pflegeversicherung setzt auf häusliche Pflege durch Angehörige und private Anbieter. Sie wurde 1995 etabliert, um die Familie bei der Pflege zu unterstützen, womit ihre Verantwortlichkeit gesetzlich festgeschrieben wurde. Die Rahmenbedingungen auf verschiedenen gesetzlichen Ebenen sorgen bis heute dafür, dass die Pflege weiblich ist. Von diesem hohen Grad an Familienverantwortung, sowie von dem gesellschaftlichen Erwartungsdruck müssen Frauen entlastet werden. Die Forderung nach einer Pflegevollversicherung ist durchzusetzen. Dem Pflegebedarf muss professionell mit qualifizierten Pflegepersonen entsprochen werden.

Ambulante Pflegedienste wie Zeitmaschinen

Für professionelle Dienste im ambulanten Bereich sind Tätigkeiten zeitlich begrenzt. „Es zählt nicht, wie hoch der Bedarf ist oder was die Person mit Pflegebedarf eigentlich braucht, sondern du musst eine Grundpflege in 30 Minuten erledigt haben. Man fühlt sich nur noch als Zeitmaschine, aber nicht mehr als Mensch, der für andere da ist“. (S. Sch., Altenpflegerin). Inzwischen muss schon jeder 20. Patient abgewiesen werden, weil die Pflegedienste nicht genug Personal haben (NRZ, 04.09.2018).
Gewährleistung der Würde von Menschen mit Pflegebedarf, die eine hohe Verletzlichkeit haben ist dann möglich, wenn Kompensationsmöglichkeiten für Beeinträchtigungen gewährt werden können und vergütet werden. Dazu gehören Zuwendung, Kommunikation, sowie unterstützende Begleitung (Assistenz) beim Aufrechterhalten sozialer Kontakte, gemeinsame Einkäufe, Spaziergänge.

Der Vorstellung, dass eigentlich jeder pflegen kann, dazu insbesondere Frauen geeignet seien und dass solche pflegerische Verrichtungen zur Entlastung der Arbeitslosenstatistik geeignet wären, ist als inakzeptabel entschieden entgegenzutreten.

  • Pflege ist ein anspruchsvoller Beruf. Pflegepersonen müssen ausgebildet und qualifiziert sein. Pflegearbeit muss nach Tarif vergütet werden „Hausfrauenlohn“ ist abzulehnen.
  • Das Annehmen von Pflegeverantwortung für Nahestehende muss freiwillig sein. Forderung: „Elternzeit“ für Angehörige mit Lohnersatzleistung (vgl. Gesetz im BEEG).