Barrierfreies Wohnen

Die erste Vorstellung wird eine Wohnung sein, in welcher Rollstuhlfahrer und Senioren barrierefrei leben können. Frei von Stufen, Leisten und verwinkelter Raumaufteilung. Dass dies in Aachen überhaupt nicht leicht zu finden es, ist der Grund für diesen Artikel.
Doch dies sind mitnichten die einzigen Barrieren, auf welche Menschen mit und ohne Behinderung so stoßen. Es gibt diverse Wohnungsgesellschaften, die barrierefreie Wohnungen anbieten und auch neu bauen, doch stellen sich oft zweierlei Probleme dar. Entweder sind diese nicht bezahlbar, oder sie sind nicht komplett barrierefrei.

Teilhabe – auch im Vorfeld

Wenn Gesellschaften barrierefreie Wohnungen bauen, müssen diese sich an grundsätzliche Regeln halten. Jedoch stellt sich die berechtigte Frage, ob an diesem Regelkatalog Menschen im Rollstuhl aktiv beteiligt waren. Der Großteil der ‚barrierefreien Wohnungen‘ sind entweder zu klein oder haben Leisten, welche Menschen ohne Elektroantrieb nicht überwinden können. So muss nahezu jede barrierefreie Wohnung mit Rampen nachgerüstet werden, um z.B. den Balkon zu erreichen. Dies wird dann entweder aus eigener Tasche bezahlt, was im Bezug von der Grundsicherung schier unmöglich ist, oder wird von den Krankenkassen übernommen. Oft wird sich auch darauf verlassen, dass der Pflegedienst ja helfen kann. Menschen mit Behinderung werden dadurch drastisch in ein Abhängigkeitsverhältnis gebracht.

Am Bedarf vorbei

Menschen, die die Grundsicherung beziehen (und das betrifft die meisten Menschen mit Behinderung), dürfen nur in bestimmte Wohnungen einziehen. Ein bestimmter Mietpreis und eine gewisse Wohnungsgröße dürfen nicht überschritten werden. Somit fallen barrierefreie ‚Luxuswohnungen‘, die aktuell zu gerne gebaut werden, weg. Eine bezahlbare und auch komplett barrierefreie Wohnungen auf Anhieb zu finden, ist für manche Menschen mit einem Sechser im Lotto zu vergleichen. (Nicht, dass Geld zwingend glücklich macht – aber dies verdeutlicht hoffentlich die Seltenheit.)

Menschen mit Behinderung warten mitunter länger als ein Jahr, um eine bezahlbare barrierefreie Wohnung zu finden, und ohne Vitamin B ist es schlichtweg ein Albtraum. Gesellschaften erhalten Subventionen, um neue bezahlbare barrierefreie Wohnungen zu bauen.
Vor einigen Jahren wurden barrierefreie Rollstuhlappartements gebaut, die jedoch auf Grund der viel zu kleinen Wohnfläche nicht von Rollstuhlfahrern bewohnt werden können. Somit steigt die Anzahl barrierefreier Wohnungen statistisch gesehen, oft wohnen dann allerdings keine Rollstuhlfahrer in den Wohnungen.

Zweiklassengesellschaft bei der Wohnungssuche

Neben den baulichen Barrieren gibt es noch unzählige Weitere. Großfamilien müssen regelmäßig verzweifelte Aufrufe in sozialen Netzwerken starten, weil diese mitunter jahrelang nach einer geeigneten Wohnung suchen. Studenten müssen in überteuerte Appartements ziehen, schaffen es somit nicht, sich vollends auf das Studium zu konzentrieren und sich einfach mal mit neuen sozialen Kontakten zu befassen. Es werden Elternbürgschaften benötigt, was zur Folge hat, dass Kinder reicher Eltern eher eine Wohnung beziehen können, als Kinder aus armen Familien. Und das gleiche gilt für Menschen mit Behinderung. Der Sohn einer wohlverdienenden Familie muss nicht nach den Wohnungen suchen, die sich im finanziellen Limit der Grundsicherung bewegen, was die Suche deutlich verkürzt und dadurch vereinfacht.

Menschen mit Autismus müssen auf Grund des Wohnungsmangels in Studentenwohnheime oder Wohnblöcke ziehen, wo oft der Lärmpegel ein enormes Problem für sie darstellt. ‚Einfach mal die Wohnung wechseln und schauen, ob es eine bessere gibt‘ ist oftmals keine Option, da – surprise surprise – die Wohnungen zu teuer sind. Es gibt keine Verpflichtung Wohnungen, Bars, Geschäfte etc. barrierefrei zu gestalten oder zu konzipieren und das ist das eigentliche Problem. Menschen werden somit bewusst exkludiert.

Für eine barrierefreie Gesellschaft

Vielleicht sensibilisiert dieser Erfahrungsbericht ein wenig und lässt beim nächsten Einkauf, Wahlsonntag oder beim nächsten Restaurant- oder Kneipenbesuch darauf achten, ob es unnötige Stufen gibt, fehlende Handläufe oder auch ein extrem unübersichtlich gestalteter Supermarkt. Dann reicht eine Mail oder ein kurzes Gespräch, um dies rückzumelden. Es gibt Vereine und Institutionen, die Fördermittel für eine Nachrüstung zur Verfügung stellen. Vielleicht kann jeder ein bisschen aufmerksam darauf machen, dass Menschen nicht mehr aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, besonders wenn man nicht selber betroffen ist.

Barrieren sind nicht nur eine zu hohe Duschwanne, eine Türleiste zum Balkon oder eine Stufe im Eingangsbereich. Barrieren sind vielfältig, und es ist wichtig, sich diese Vielfältigkeit immer wieder vor Augen zu führen und gemeinsam und solidarisch, mit den davon betroffenen Menschen, immer wieder auf diese Problematik aufmerksam zu machen, um eine längst überfällige Veränderung zu bewirken.